Katrin Heesch malt Streifen. Das Sujet ist nicht neu, aber nie erreichte es diese Suggestivkraft und Tiefe. Die Künstlerin besitzt ein außerordentliches Farbgefühl, adäquat dem absoluten Gehör in der Musik. Die Technik kostet verschwenderisch viel Zeit. Als Bindemittel dient ausschließlich transparent schimmerndes Latex. Jedes Bild ist eine Kostbarkeit und entführt seine Betrachter auf Reisen in Welten freier Assoziationen.

Dr. J. Rothamel

Atelierbesuch Fotos Betrachtungen
Atelierbesuch

Wem es erlaubt ist, einen Einblick in das künstlerische Schaffen von Katrin Heesch zu erhalten, darf sich glücklich schätzen. Denn sie verwaltet ihre Lebenszeit mit ungewöhnlicher Disziplin. Eine Arbeitswoche von 6 Tagen a 10 Stunden sind die Regel und lässt mein erstes Vorurteil über Künstler zerschellen. Beim Betreten des Ateliers offenbart sich mein zweiter Irrtum. Die romantische Vorstellung eines farbverschmierten, nach Terpentin riechenden Raumes, in dem sich zerdrückte Farbtuben auf staubigen, lange nicht mehr benutzten Tischen tummeln wird ohne Vorwarnung ausgelöscht. Stattdessen stehe ich vor einem flachen Stahlregal mit mindestens 30 gleichartigen Plastikboxen, welche durch am Computer entstandene Aufkleber ihren Inhalt preisgeben. Beim Durchlesen der Etiketten bewegt sich mein Horizont ein weiteres Mal nach hinten, war mir doch nicht bewusst, dass Malerinnen Epoxydharzklebstoffe, Styrodurplatten und Spezialschrauben benötigen.

In dem 16 Meter langen Atelier sind mehrere große Arbeitsplatten aufgebaut auf denen die Bilder in unterschiedlich fortgeschrittenen Zuständen auf die Künstlerin warten. Der Weg von der grundierten Leinwand bis hin zum fertigen Bild scheint mir nun noch mehr in den Bereich der Wunder zu gehören.

Es ist nur eine Frage der Geduld, höre ich Katrin Heesch sagen als ich meine Augen nicht mehr von Bild 434 abwenden kann. Das dies eine leichte Untertreibung der zu dieser Arbeit notwendigen Fähigkeiten ist wird selbst mir sofort klar. Sie erklärt mir ruhig die technischen Schritte der Herstellung und versucht zu beschreiben mit welcher Absicht sie diese Methode entwickelt hat.

Sie sei fasziniert von der Wechselwirkung der Farben untereinander und der Frage, ob es möglich sei eine Oberfläche zu schaffen, welche eine ganz besondere Atmosphäre in den Raum tragen kann. “Die Stimmung, die ich bemüht bin zu erzeugen ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit einer Ideallandschaft. Es soll ein Nebeneinander von Weite und Geborgenheit, eine Gleichzeitigkeit von Dichte und Klarheit entstehen. Da ich aus der Malerei komme liegt es nah, Farben als Versuchselemente zu nehmen. Mich interessiert , in welcher Weise Elemente angeordnet werden müssen um ein Paradies zu erzeugen.” Es ginge um das Gelingen von etwas durch Organisation der Teile. Die Wahl von Streifen als Ausdrucksmittel führt sie auf den Wunsch zurück, die Beliebigkeit zu minimieren und laborähnliche Bedingungen für die Analyse zu erhalten. So könne nur noch die Position, die Breite und der Farbton variiert werden und sie käme schneller zu Ergebnissen das Verhalten der Farben untereinander betreffend. “Trotz der auf wenige Variablen festgelegten Bedingungen entwickelt sich im Laufe des Herstellungsprozesses ein komplexes System von Wechselwirkungen. Ich bin gleichzeitig Beobachter und Entscheidungsträger. Um das von mir angestrebte Optimum zu erreichen, ist es notwendig immer mehr Beobachtungen anzustellen. Diese Beobachtungen fließen sowohl in den nächsten Streifen als auch in die Vorstellung neuer Bilder ein. Es geht um die Schaffung von Bedingungen für die Herstellung komplexer Systeme, deren Selbstorganisation und deren Gelingen”. Aha!

Das durch Butterbrotpapier gedämpfte Sonnenlicht breitet sich auf den Bildern aus. Ihre seidig glänzende Oberfläche mit den unzähligen Farbnuancen, die Genauigkeit der Streifen und ihre unfehlbare Anordnung bestätigen das Vorgetragene auf beeindruckende Weise. Meine nächste Frage gilt der Empfindlichkeit der Bilder und wie sie transportiert werden können. Es muss nicht erwähnt werden, dass ich während der Beantwortung ein weiteres Vorurteil aufgeben kann. Denn Katrin Heesch malt nicht nur diese herrlich himmlischen Bilder, sondern baut auch für jedes dieser Kostbarkeiten eine eigene Verpackung. Die Systematik in der Arbeitsweise erlebt in der Frage nach der optimalen Verpackungslösung ihre logische Fortsetzung. Auch die unbedingte Investition von Zeit als einzige Ressource, die der Künstler kostenlos zur Verfügung hat, wird hier konsequent vorgeführt. Die Intensität ihrer Arbeitsweise werde langsam belohnt sagt sie und lächelt.

Seltsamerweise schreckt mich angesichts dieser wunderbaren Ergebnisse die anfangs als steril empfundene Atmosphäre nicht mehr ab und ich beginne zu verstehen, dass Organisation, Systematik und Disziplin zumindest in diesem Atelier zur Grundausstattung gehören. “Geht die Liebe zur Arbeit nicht zu weit?” höre ich mich fragen. Liebe könne niemals zu weit gehen und sie erinnert sich an das Zitat eines Künstlers, der folgendes meinte: Wer den Beruf eines Künstlers gewählt hat, muss sich von dem was er sonst als Mensch sein könnte, verabschieden.

Sonntags gehe sie allerdings wandern, weil sie neben dem für ihre Arbeit auch ein Herz für Thüringen habe. Und als sie mir auch noch gesteht, dass sie ein leidenschaftlicher Champions-league Fan sei, bin ich meines letzten Vorbehaltes beraubt. Ich verlasse das Atelier mit der Erkenntnis, dass alles doch ganz anders sein kann und dass sich viele Dinge gegenseitig nicht ausschließen müssen. Die von jedem gestellte Frage, ob man davon leben kann, habe ich ganz vergessen. Selbst wenn sie diese mit nein beantwortet hätte, ich wäre mir sicher, die Ursachen lägen nicht bei ihr. Auf dem Weg zum Ausgang gehe ich an einer Unmenge von Zetteln vorbei, auf denen Tabellen erkennbar sind. Meine Neugier zwingt mich zum Verharren und eröffnet mir ein weiteres Feld ihrer Arbeit. In mindestens 10 verschiedenen Ansätzen wird dort der Versuch unternommen, einen nachvollziehbaren Preis zu ermitteln. Ich kann entnehmen, wie viele Arbeitsstunden sie in Bild 347 investiert hat, wie viel Rollen Klebeband insgesammt verbraucht wurden, wie viel Material ein Streifenmeter kostet usw... Ich bin froh, dass sie mir eine Stunde Zeit geschenkt hat und nehme mir vor, jeden Tag ein wenig Geld zurückzulegen, um irgendwann ein kleines Stück ihres Paradieses mein Eigen nennen zu können.

Ein Fan

Dass Poesie und Systematik sich nicht ausschließen müssen, beweisen die Streifenbilder von Katrin Heesch. Sie scheint von Beidem gleichermaßen durchdrungen zu sein und lässt in einem zeitaufwendigen Prozess Bilder von faszinierender Ausstrahlung entstehen. Die Exaktheit in der technischen Ausführung, die millimetergenaue Parallelität der Streifen und die erstaunliche Beherrschung des Materials stellen nur das vermeintlich Einzigartige dieser Arbeit dar. Die hier offensichtlich vorgetragene Klarheit setzt sich in dem Streben nach der vollkommenen Farbanordnung fort. Das Abstreifen von allem Überflüssigen bei gleichzeitigem Erkennen des Notwendigen wird mit jedem hinzukommenden Streifen neu demonstriert. Die Bilder sind entgegen vielen Vermutungen nicht als Illustration mathematischer Phänomene zu verstehen sondern das Produkt einer beständigen Wechselwirkung zwischen Künstler und Werk. Jeder Streifen markiert eine Entscheidung auf dem Weg zu reiner Poesie, zur Genauigkeit hinter der Technik. Neben der Genauigkeit, die bei der Herstellung der Bilder von großer Bedeutung ist und die sich am Ende in beeindruckender Weise in den Strukturen des Bildes abzeichnet, muss die Dimension der Zeit als weiteres charakteristisches Merkmal genannt werden. Es gibt wenige Künstler, die ihren Bildern ein solch hohes Pensum an Zeit widmen und noch weniger Bilder, in denen sich diese Strukturen auch ablesen lassen. Doch die Zeit scheint nicht als unendlich vorhandene Ressource behandelt und beliebig verschwendet zu werden. Die Künstlerin erreicht durch die Mittel der Konzentration, der Disziplin und der Geduld ein Optimum an Effektivität. Das Planvolle und zugleich Offene entspricht der Person Katrin Heesch, sie scheint mit den Streifenbildern ein äußeres Original ihrer Selbst gefunden zu haben.